Wo die Mumien tänzeln

"Zugegeben, liebe Leute, dieser Streifzug führt in persönliche, recht private Bereiche, schildert aber durchaus kein Einzelschicksal. Ausgehend von den höheren Sphären einer schier unstillbaren Essensfreude, endet er zerknirscht in den Niederungen der Askese. Berührt dabei jene wunden Punkte, wo sich das Hemd lieber einem runden Bäuchlein spannt und wo auch der Kragenknopf plötzlich nicht mehr zugeht. Bleibt dann mit bohrendem Blick an der Waage hängen, die halt immer um ein paar Kilo zuviel anzeigt.
Und nun betrachten Sie bitte das Foto nebenan: Es zeigt einen vollschlanken Herrn, der ganz entrückt in die Kamera lächelt, obwohl ja die Blute seiner Jahre langst dahin ist und er daher auch als Herzensbrecher langst ausgedient hat. An seiner Seite ein bezauberndes junges Wesen, das graziös im Rhythmus der Musik tänzelt und sich dabei so pudelwohl zu fühlen scheint, dass es vor Entzücken sogar die Augen schließt. Das ungleiche Paar ist in heiße Faschen eingewickelt und trägt darüber einen Poncho oder Bademantel. Hände und Füße sind mit Plastikbeuteln abgebunden, um abgesonderte Flüssigkeiten aufzufangen. Manchmal sind auch ihre Köpfe mit Faschen eingeschnürt. Dann schauen sie wie ägyptische Mumien aus, die ein Totentanzchen wagen.
Das Mädchen mit der Traumfigur heißt Julia, ist Fotomodell und Schauspielschülerin. Das Schwergewicht im Poncho ist Ihr Streifzügler. Wir vergnügen uns hier nicht etwa in einer losen Pyjamaparty, sondern haben zufällig den gleichen Termin: Im anheimelnden Studio von Frau Margit, die in der Wiener Apollogasse 7/12 nach der Methode der amerikanischen Therapeutin Vctoria Morton einen Ganzkörperwickel zu bieten hat.
Bei diesem Verfahren werden Leute, die Probleme mit ihrer Figur haben und sich eine straffere Haut wünschen, von Kopf bis Fuß mit elastischen, atmungsaktiven Bandagen eingewickelt, die vorher in einer (patentierten) Mineralstofflosung eingelegt sind. ,,Unter ärztlicher Aufsicht wird der Körper nach Wunsch modelliert", erklärt Frau Margit. "Es geht dabei in erster Linie gar nicht darum, die überflüssigen Kilos loszuwerden als an gewissen Problemzonen den Körperumfang zu verringern. Diese Zonen werden fester gewickelt, um die Zentimeter wegzukriegen. Die anderen Körperteile werden leicht bandagiert, zur Straffung der Haut und zum allgemeinen Wohlbefinden."
Um die Wirkung der heißen Bandagen zu fördern, soll der eingewickelte Patient eine Stunde lang möglichst viel Bewegung machen. Man hupft entweder wie ein „Gewicht abkochender" Boxer auf der Trainingsmatte oder riskiert zur flotten Musik ein Tanzchen. Beim Schäkern mit der Julia vergeht die Zeit freilich viel schneller als bei einsamer Gymnastik.
Wahrend Julias Schwachstellen nicht zu erkennen sind - sie befürchtet, an ihren Oberschenkeln könnte sich später vielleicht eine Orangenhaut bilden -, springen meine Problemzonen auch einem Blinden ins Auge: Ich bin schlicht und einfach zu dick. Das wirkt sich auch fatal auf meinen Ehrgeiz als spätberufener Leistungssportler aus: Beim Polizeisportverein, Sektion Sportkegeln, gelte ich seit 20 Jahren als Nachwuchshoffung. Leider scheitere ich beim Abräumen oft an meinen Nerven, der rechte Bauer ist mein Angstkegel.
„Du musst endlich was gegen deinen Backhendlfriedhof unternehmen. Geh zur Frau Margit ins Studio, die bringt dich schon auf Zack", riet mir eine Bekannte, die selber gegen ihre starken Hüften ankämpft. So landete ich vor Weihnachten in der Apollogasse.
Anna, die fürsorgliche Bandagistin des Instituts, leistet ganze Arbeit. Schon der erste Wickel, bei dem ich mich eine endlose Stunde lang abstrampelte, zeigte Wirkung: Mir taten zwar nachher die Fußgelenke weh und ich hatte ,,nur" ein Kilo abgenommen, aber sonst fühlte ich mich wie neugeboren. Und wohlgemerkt: Ich hatte insgesamt nicht weniger als 36 cm Umfang um die Hüfte, am Oberkörper und an den Beinen verloren!
,,Mein Geschäft lebt von der Mundpropaganda, von der Zufriedenheit meiner Kunden", weiß Frau Margit. Nun, einige ihrer Schützlinge, meist gepflegte Damen, die
auf sich schauen, habe ich schon kennen gelernt. Die sind alle voll des Lobes lieber die Wicklerei. Die Jusstudentin Birgit berichtet: ,,Ich korrigiere hier meine Reiterhosen-Figur." Frau Rita mochte nach der Geburt ihrer beiden Kinder wieder ihre Maße von früher erreichen. Die fesche Andrea lässt sich ein paar winzige Grübchen am Schenkel wegwickeln.
„Seit drei Jahren kenne ich unter-schiedliche Wickelbehandlungen und habe verschiedene Methoden ausprobiert. Die Technik, die Frau Margit anwendet, ist besonders professionell, wohltuend und effizient", bescheinigt die Ärztin Dr. Petra Orina Z. Auch die Apothekerin Edeltraud P. lobt den schonenden Wickel: ,,Ich habe bei gleichem Gewicht eine ganze Körpergröße (von 42 auf 40) abgenommen. Und die Frau Elfriede freut sich:
„Mein Mann kann mich jetzt nicht mehr Wuzzerl nennen, denn ich habe nach zehn Packungen schon 80 cm weniger Umfang."
Freilich hat jede gute Sache auch ihren Preis: 85 Euro pro Termin, aber im Dutzend etwas billiger.
Am 12. Jänner beginnt die Frühjahrsmeisterschaft. Ich hoffe, der rechte Bauer ist mir gewogen."